Donnerstag, 18. Januar 2007

Tätowierungen in englischsprachiger Literatur

Nun, einige mögen sich fragen was Tätowierungen denn mit Literatur zu tun haben sollen. Tätowierungen erfreuen sich heutzutage immer größerer Beliebtheit and proportional zu ihrem Auftreten, wächst auch ihre Akzeptanz in der (nichttätowierten) Bevölkerung. Indes muß die Literatur diesem gesellschaftlichen Wandel Rechnung tragen - zumindest ist es mein Unterfangen dies herauszufinden. Wird der tätowierte Mensch per se in heutigen zeitgenössischen Texten anders dargestellt als in früheren Werken der Literatur (Herman Melvilles Moby Dick kann hierbei als eine Ausnahme angesehen werden)? Oder liege ich etwa völlig daneben, wenn ich davon ausgehe, dass die meisten tätowierten Charaktere in der Literatur wohl eher der Kategorie 'Bösewicht' zugeschlagen werden können oder dass sie sich zumindest am Rande der Gesellschaft wiederfinden, weil sie gewalttätig, ungebildet, kriminell, unmoralisch, schmutzig, usw sind? Daher ließe sich durchaus auch eine gesellschaftliche Komponente entdecken und Ihr seid herzlichst eingeladen Eure Ideen zu äußern hinsichtlich der Gründe aus denen sich Menschen tätowieren lassen. Was ist ihre psychologische Motivation?

Welche Bücher fallen Euch hierzu ein? Wie werden die Charaktere darin beschrieben? Für den Fall, dass Ihr mehr als nur ein Buch mit Tätowierten kennt, wäre es interessant zu vergleichen in welcher Hinsicht - wenn überhaupt - sich die Beschreibung der betreffenden Charaktere von Buch zu Buch unterscheidet. Werden durch sie allgemein verbreitete Stereotypen und Vorurteile bestätigt oder eher erst geschaffen?


Übrigens, mit Büchern meine ich nicht nur dicke Wälzer, und schwere Volianten, sondern auch Theaterstücke, Drehbücher oder auch Groschenhefte.

3 Kommentare:

tattooedwithattitude hat gesagt…

In diesem Post habe ich einige Anregungen zum Thema Tätowierungen in der amerikanischen und britischen Literatur zum Lesen zusammengestellt. Allerdings sind einige - wenn ncht sogar die Mehrzahl - der Erwähnungen von tätowierten Menschen recht kurz und der betreffende Charakter ist leider meist auch nur eine Nebenfigur. Wie ich bereits angedeutet habe, sind dies lediglich Vorschläge zur Lektüre. Dennoch wäre es durchaus interessant weitere Lektürevorschläge zum Thema hier in der nahen Zukunft zu finden.

Andre Norton: Operation Time Search
Anne McCaffrey: The Coelura
Carson McCullers: shortstories
Charles Darwin: The Descent of Man
Charles Dickens:Hard Times
Charles Dickens:Oliver Twist
Chuck Palahniuk: Fight Club
Douglas Rushkoff: Cyberia
E. W. Hornung: Raffles: The Amateur Cracksman
Edgar Allan Poe: Hans Phall
Emily Prager: Eve's Tattoo
F. Scott Fitzgerald: The Great Gatsby
Henry D. Thoreau: Walden
Herman Melville: Moby Dick
Herman Melville: Typee
Herman Melville: The Piazza Tales
Herman Melville: Omoo
Herman Melville: Billy Budd Sailor
John Danalis: Uncle Lou's Tattoos
John Grisham: The Street Lawyer
John Locke: Human Understanding
Larry Niven: Crashlander
Larry Niven: Inferno
Larry Niven: Ringworld
Louisa May Alcott: Little Men
Mark Twain: The Innocents Abroad
Mark Twain: Life on the Mississippi
Mark Twain:The Adventures of Huckleberry Finn
Mark Twain: The American Claimant
Nathaniel Hawthorne: House of the Seven Gables
Nathaniel Hawthorne: Lady Eleonore's Mantle
Ray Bradbury: The Illustrated Man
Ray Bradbury: Something Wicked this Way Comes
Roald Dahl:Someone like you: Skin
Robert A. Heinlein: Citizen of the Galaxy
Robert A. Heinlein: Stranger in a Strange Land
Robert Louis Stevenson: Treasure Island
Robert Louis Stevenson: Kidnapped
Robert Louis Stevenson: In the South Seas
Robert Louis Stevenson: A Footnote to History
Stephen King: The Green Mile
Stephen King: The Cycle of the Werewolf
Tenessee Williams: The Rose Tattoo
various artists: The Bible
Willa Cather: My Antonia
William Gibson: The Bridge Trilogy
William Gibson: Count Zero
William Gibson: Mona Lisa Overdrive
William James: Varieties of Religious Experience

Anonym hat gesagt…

Ich würde nicht zwingend einen zuammenhang zwischen tattoo und den "bösen" antagonisten sehen. Eher einen zusammenhang zwischen dem tattoo und der damit einhergehenden stigamtisierung, die aber - aus meiner sicht der dinge - nicht unbedingt negativ geprägt ist.

Eine tätowierung verleiht einfach einer figur einen hohen wiedererkennungwert

Allerdings sehe ich auch einen wandel in der zeitgenössischen literatur, die sich dem thema aufgeklärter nähert.

Mein letztes tattoobuch: Der Elektrische Michelangelo von Sarah Hall

tattooedwithattitude hat gesagt…

Hallo Lead,
Danke für Deinen Kommentar! Nun gut, Du hast recht, wenn Du sagst, dass Tätowierte nicht immer die Bösen sind. Dennoch sind sie selten die Protagonisten, die Helden eines Romans, sondern eher unbedeutende Nebencharaktere. Ich gehe davon aus, dass ein Autor seine Worte mit Bedacht wählt und sich Gedanken über jeden einzelnen Charakter, der in seinem Werk auftaucht machen muss. Von dieser Prämisse ausgehend, muss es einen Grund geben warum eine Person dem Leser als tätowiert beschrieben wird. Das heißt, der Autor spielt ganz bewusst mit den Vorstellungen seiner Leser über Tattoos bzw. tätowierte Menschen. Es ist meist auch nicht die Art oder Platzierung der Tätowierung, die von Belang ist, sondern einzig und allein die Tatsache des Tätowiertseins an sich. Das tätowierte Motiv findet selten Erwähnung; es sei denn als handelt sich um Mottotätowierungen wie in Stephen Kings THE GREEN MILE, wo ein junger Gefängnisinsasse den Schriftzug „Billy the Kid“ auf dem linken Arm tätowiert hat. Die Frage ist nur, was glaubt der Schriftsteller welches Image seine Leserschaft mit Tätowierungen verbindet und auf welche weise versucht er jene Stereotypen beim Leser zu aktivieren. In diesem Zusammenhang ist es wichtig das Handlungsumfeld – sowohl sozial als auch örtlich – der literarischen Figur in Betracht zu ziehen.

Nachfolgend möchte ich ein paar Beispiele aus drei weiteren Werken von Stephen King in chronologischer Reihenfolge ihres Erscheinens herausgreifen. Zuerst, aus dem Jahre 1981: CUJO. King beschreibt ein männliches ‚Model’ für Voits Schwimmausrüstung. Der Mann ist das exakte Gegenteil eines hübschen, athletischen und jungen Beachboys, nämlich ein abgehalfterter fünfzigjähriger Glücksritter mit wabbeligen Muskeln, einer faltigen Narbe und … Tattoos.

„...a man who was the utter antithesis of the Miami beachboy. Standing arrogantly hipshot on the golden beach of some tropical paradise, the model was a fifty-year-old man with tattoos, a beer belly, slab-muscled arms and legs, and a puckered scar high across one thigh. In his arms this battered soldier of fortune was cradling a pair of Voit swimfins.”

Sieht so das Bild aus, dass King beim Leser evozieren möchte, wenn er tätowierte Menschen in seinen Roman und Erzählungen auftreten lässt? Hässliche Leute, die ihre besten Zeiten hinter sich haben und es bis jetzt immer noch nicht geschafft haben etwas aus sich und ihrem Leben zu machen.

Als zweites wende ich mich Stephen Kings Kurzgeschichte CYCLE OF THE WEREWOLF aus dem Jahre 1985 zu. Dort werden die letzten Augenblicke und Gedanken des tätowierten Barbesitzers Alfie Knopfler geschildert, der trotz der allgemein herrschenden Angst des Dorfes vor der mordenden Bestie furchtlos seinen Diner geöffnet hält. Er war ehemals in der Army und ist stolz auf seine dort erworbenen und immer noch vorhandenen Muskeln. Alfies schönste Liebeserinnerung scheint eine lang zurückliegende Nummer auf dem Rücksitz seines Autos zu sein und seine Vorstellung von einem gemütlichen Feierabend ist ein Sechserpack Bier. Es bleibt noch anzumerken, dass Alfie nicht etwa in heroischem Zweikampf mit der reißenden Bestie seine muskulösen 110 Kilo, seine Armeeerfahrung in die Waagschale wirft und damit sein Leben teuer verkauft, sondern, dass er sich mit schnödem Kaffee verbrüht, über die am Boden liegende Kaffeekanne stolpert und anschließend vom Werwolf in die ewigen Jagdgründe geschickt wird. Auch hier lässt sich schwerlich von einer Identifikationsfigur sprechen. Vielmehr fühlt man sich an den abgedroschenen Spruch „Wer nichts wird, wird Wirt“ erinnert.

Zuletzt widme ich meine Aufmerksamkeit noch einigen Sätzen aus dem vielleicht etwas weniger bekannten Roman BAG OF BONES von 1998:

„When trouble comes and steps have to be taken, I find it's generally better to just stand aside and let the boys in the basement do their work. That's blue-collar labor down there, non-union guys with lots of muscles and tattoos.”

Für all diejenigen, die mit Englisch eher auf Kriegsfuß stehen, noch eine kurze Erläuterung:
Sobald sich abzeichnet, dass es Ärger geben könnte, scheint es angebracht zu sein sich etwas im Hintergrund zu halten und die Kerle von unten mit den dicken Armen und Tattoos die unqualifizierte Arbeit machen zu lassen.

Die grobe Marschrichtung wird klar: Den Jungs mit den gut entwickelten Armen und dem nicht so gut entwickelten Geist obliegen die niederen Arbeiten. Die Tatsache, dass sie obendrein noch tätowiert sind, unterstützt weiter ihre Zugehörigkeit zu einer Randgruppe, bzw. zu einer unterprivilegierten, stigmatisierten Gruppe. Die intendierte Assoziationskette sähe in diesem Falle also folgendermaßen aus: stark – dumm – unqualifiziert – tätowiert.

Wie die obigen Beispiele zeigen, hat sich hinsichtlich des Bildes von tätowierten Menschen in der Literatur (zumindest bei Stephen King; das muss ich einräumen) in den letzten zwanzig Jahren wenig getan. Das Tattoo bleibt weiterhin ein Phänomen, das sich hauptsächlich bei ungebildeten Männern der unteren gesellschaftlichen Schichten findet und eng verbunden ist mit animalischer Kraft und der Abwesenheit von intellektuellen Fähigkeiten.

Wie sieht das nun bei anderen Autoren aus? In der Gesellschaft hat sich das Bild des Tätowierten und der Tattoos in den letzten Jahren eindeutig zum besseren verändert und die Menschen sind aufgeschlossener geworden. Jedweder Schriftsteller – welcher Nationalität er auch immer angehören mag – ist ein soziales Wesen. Kann man in der zeitgenössischen Literatur tatsächlichen den allgemeinen Wandel in der Gesellschaft entdecken? Welche Beispiele gibt es dafür?